Heute ist das Picknick bekannt dafr, dass DDR-Brger die Grenze durchbrochen haben. War das geplant?

Nein, eigentlich sollte es eine Begegnung zwischen Ungarn und sterreich werden. Die sterreicher identifizierten sich damals sehr stark mit dem Ereignis, sodass fast sechstausend sterreichische Gste teilnahmen. Doch nach der Wende distanzierten sich die sterreichischen Politiker der Burgenland-Region von den Geschehnissen, da sie dachten, dass das Paneuropische Picknick etwas mit der Paneuropa-Union zu tun gehabt htte.


Sie standen nicht in Verbindung mit der Paneuropa-Union?

Wir wussten nicht einmal, dass es eine Paneuropa-Union gibt, sonst htten wir einen anderen Namen gewhlt. MDF-Mitglied Mria Filep gab dem Ganzen diesen Namen, weil sie nach einem Begriff suchte, bei dem jeder in Europa und in der Welt versteht, worum es geht. Unter ?Picknick? kann sich jeder etwas vorstellen und ?paneuropisch? steht fr gesamteuropisch, was auch jedem ein Begriff ist.


Aber Schirmherr des Picknicks wurde doch Otto von Habsburg, der Prsident der Paneuropa-Union!

Otto von Habsburg fragten wir als Abgeordneten des Europaparlaments an, denn er hatte erklrt, er werde im Europaparlament so lange ungarische Interessen vertreten, wie Ungarn nicht Mitglied sei. Wir hielten es fr klug neben Imre Pozsgay auch einen auslndischen Schirmherren zu haben. Falls etwas schiefgehen wrde, knnte er uns helfen. In der gesamten Korrespondenz mit Habsburg tauchte nie der Name Paneuropa-Union auf. Erst kurz vor dem Picknick erfuhren wir von ihrer Existenz, aber da war es schon zu spt.

#

Die Losung des Picknicks lautete ?Baue ab und nimm mit!?: Jeder Teilnehmer konnte den Eisernen Vorhang mit abbauen und ein Stck samt eines Zertifikats als Erinnerung mitnehmen. (Foto: BZT / Nra Halsz)


Wie bekamen Sie es doch noch mit?

Ungefhr zwei Wochen vor dem Picknick traf Mria Filep aus Debrecen in der neuen Zentrale des Ungarischen Forums (MDF) in Budapest ein. Im Gepck hatte sie die frischgedruckten Einladungen fr das Picknick. Dort stie sie auf die beiden MDF-Mitglieder und Historiker Csaba Gy. Kiss und Gergely Andrs, die sie darauf hinwiesen, dass es eine Paneuropa-Union gebe, die in vielen Teilen Europas nicht sehr beliebt sei. Sie meinten, der Name msse gendert werden, da es sonst zu einem riesigen Missverstndnis kommen werde. Mria Filep wurde stocksauer, denn wir hatten weder Zeit noch Geld, um die Flyer neu zu drucken. So wurde der Name beibehalten. Die Historiker sollten jedoch Recht behalten; wir hatten wegen des Namens seitdem viele Probleme.


Selbst auf der deutschen Wikipedia-Seite steht gleich im ersten Satz, dass es eine ?Friedensdemonstration der Paneuropa-Union? war!

Das ist eine Lge. Sie scheinen nicht aufzugeben, es fr sich zu beanspruchen. Mittlerweile ist das aber in fast allen Publikationen richtig gestellt. Ich bin in der Rezeption von Dokumentarfilmen und Geschichtsbchern allerdings vorsichtiger geworden. Geschichte kann man so leicht verflschen, das habe ich selbst erlebt.


Mria Filep war also die eigentliche Erfinderin des Picknicks?

Sie war die Namensgeberin. Die Idee hatte Ferenc Mszros am 20. Juni. Beide waren Mitglieder der Debrecener Organisation des Demokratischen Forums (MDF), das damals eine wichtige oppositionelle Kraft darstellte. Am 20. Juni luden sie Otto von Habsburg fr einen Vortrag ber die Zukunft Europas nach Debrecen ein. Bei dem anschlieenden Abendessen im Gasthof zum Goldenen Stier wurde auch ber den ungarischen Regierungsbeschluss zum Abbau des Eisernen Vorhangs vom 2. Mai gesprochen. Aus unerfindlichen Grnden war das aber bisher keine Sensation geworden, obwohl bereits ein Loch von 280 Kilometer Lnge vorhanden war ? eine grne Grenze, die nicht mehr vollstndig geschtzt werden konnte. Bis auf die BRD und einige DDR-Brger nahm das aber niemand so richtig wahr. Im Gesprch schlug Mszros vor, dass man den Dialog direkt an der Grenze fortsetzen und ein Picknick veranstalten sollte.



#

Flugblatt auf Deutsch fr die sterreicher. Die Flyer, die von Unbekannten an die DDR-Flchtlinge verteilt wurden, enthielten eine genaue Wegbeschreibung nach Sopronpuszta. (Gedruckt mit der Genehmigung der Stiftung Paneuropisches Picknick ?89)


Wie sollte das Picknick ablaufen?

Nach der ursprnglichen Idee von Mszros sollten an der Grenze, wo der Eiserne Vorhang abgebaut worden war, mehrere Feuer entfacht werden, an denen sterreichische und ungarische Teilnehmer gemeinsam Wrstchen grillen und Gulasch essen sollten. Die eine Hlfte se in Ungarn, die andere in sterreich. Das war damals theoretisch schon legal. Praktisch war es aber nicht ganz realisierbar, denn aufgrund der Unkenntnis der rtlichen Gegebenheiten wusste die Debrecener Gruppe nicht, dass der Eiserne Vorhang sich nicht an der geografischen Grenze Ungarns, sondern zweieinhalb Kilometer landeinwrts befand. So konnte ein Flchtling noch vor dem Grenzbertritt abgefangen werden. Wir korrigierten diesen Fehler spter und verlegten den Schauplatz.


Welches Ziel wollten Sie erreichen?

Die internationale Presse wurde eingeladen, um der ganzen Welt zu zeigen, dass so ein Ost-West-Treffen hier schon mglich war. Automatisch wrde man sich fragen: Wenn sterreicher und Ungarn so etwas machen drfen, warum ist das dann nicht auch am Checkpoint Charlie an der Berliner Mauer mglich?

Ein weiterer Grund war, dass wir ein wenig Sorgen hatten, weil die politische Situation in Ungarn damals sehr gefhrlich war: 1988 wurde der ungarische Weltpass eingefhrt und insbesondere Ministerprsident Mikls Nmeth setzte viele Reformen durch. Aber Sie kennen ja die Geschichte Europas: Wenn irgendwo in Osteuropa ein Schritt in Richtung Liberalisierung und Freiheit unternommen wurde, marschierten die Russen ein.

Widerstand in mehreren Lndern zugleich knnte hingegen die Sowjetunion berfordern, deswegen wollten wir die Oppositionellen in anderen Lndern durch das Picknick ermutigen. Ein Land allein konnte sich nicht aus dem Bndnis befreien.


Wie kam es zur Umsetzung und zur Zusammenarbeit zwischen Sopron und Debrecen?

Am 30. Juni, also zehn Tage spter, brachte Mszros die Idee bei der Prsidiumssitzung der Debrecener MDF-Sitzung auf den Tisch. Die meisten Mitglieder wollten lieber die Wahlen vorbereiten, aber Mria Filep setzte sich fr die Umsetzung der Idee ein, denn sie war gleichzeitig Organisatorin eines osteuropischen Studententreffens und wollte das Picknick mit dem letzten Tag des Studentcamps am 19. August zusammenlegen. Zuerst schrieben sie an die MDF-Gruppe in Kszeg, doch die Antwort blieb aus. Vielleicht fing der Geheimdienst den Brief ab. Am 15. Juli kontaktierte Mria Filep dann Sopron, was brigens auch in Stasidokumenten gut dokumentiert ist. Trotzdem griffen sie nicht ein? Der Brief lag noch ein paar Tage im Briefkasten, da unser Leiter Lszl Magas im Urlaub war. So blieb uns schlielich sehr wenig Zeit fr die Organisation.


#

Innerhalb von drei Stunden flchteten ber 600 Menschen. Etliche von ihnen kehren seitdem regelmig fr die Feierlichkeiten am 19. August nach Sopron zurck.


Trotzdem haben Sie sich dann dazu entschlossen?

Ja. Heute verstehe ich nicht mehr, wie wir damals so effizient ein Picknick organisieren konnten. Wir hatten kein Telefon, denn Jnos Kdr wollte nicht, dass die Leute miteinander sprachen ? im Gegensatz zu Rumnien, wo jeder eines besa, weil Nicolae Ceau?escu die Leute lieber miteinander sprechen lie, um sie dabei abzuhren. Bei uns ersetzte das Auto das Telefon. Lszl Magas fuhr also bei mir und den anderen Gruppenmitgliedern vorbei und berief ein MDF-Treffen ein. Ich rgerte mich erst einmal, dass Lszl mir schon wieder ein Wochenende verdarb. Wir brauchten dringend Urlaub, es war Sommer und der MDF Sopron hatte bereits sehr erfolgreiche Aktionen ? und sehr viel damit verbundene Arbeit ? hinter sich: Am 15. Mrz hatten wir eine groe Kundgebung zum Gedenktag der 1848er Revolution organisiert und am 15. Juni die Soproner Wiederbestattung der Revolutionsopfer von 1956. Bei uns gab es die nach Budapest zweitgrte Grabanlage. Dort wurden neun Opfer im Rahmen einer groen Feierlichkeit im Beisein von sechstausend Menschen wiederbestattet.

Auch beim Treffen hegte ich aufgrund der Zeitknappheit noch Zweifel, doch das Problem lste sich bei der nchsten monatlichen Sitzung des oppositionellen Runden Tisches. Die Opposition hatte damals schriftlich vereinbart, alles gemeinsam zu organisieren und so konnten genug Organisatoren ins Boot geholt werden. Am Ende organisierten insgesamt 52 Personen das Picknick, von denen 11 leider schon verstorben sind. Insgesamt waren 32 Soproner involviert, davon 14 MDF, 13 SZDSZ (Bund Freier Demokraten), 3 Fidesz (Bund Junger Demokraten) 2 aus der Kleinwirtepartei (FKGP), auerdem 17 Personen aus Debrecen, 2 aus Budapest und einer aus St. Margarethen.


Die unterschiedlichen Oppositionsparteien machten also gemeinsame Sache?

Ja, im Grunde genommen waren wir gute Freunde, die zu Beginn der ersten oppositionellen Treffen 1988 noch keiner Gruppierung angehrt hatten und sich erst spter polarisierten.



#

Erklrung der Organisatoren, die in acht Sprachen verffentlicht wurde. (Foto: Gedruckt mit der Genehmigung der Stiftung Paneuropisches Picknick ?89)



War auch die Staatspartei beteiligt?

Nein, sie waren nicht involviert. Nur ein einziges Mal trafen wir sie, auf ihren Wunsch hin, Ende 1988. Dort stellte ich die Frage, ob in Zukunft auch Oppositionsparteien mglich wren, was der Soproner Parteisekretr bejahte, wobei er hinzufgte, dass nur ?Parteien auf sozialistischer Basis? gebildet werden drften. Als ich nachhakte, was denn passieren wrde, wenn wir eine Organisation ohne sozialistische Basis grnden wrden, erklrte er nur: ?Dann liquidieren wir sie!?. Daraufhin stellten wir die Kommunikation mit ihnen komplett ein. Wir hatten die Nase vom Kommunismus gestrichen voll. Auerdem mussten wir auch feststellen, dass sie ber keinerlei Entscheidungskompetenzen verfgten und nur der Budapester Linie folgten.

Allerdings fragten wir den damaligen Kulturminister Imre Pozsgay als zweiten Schirmherren an, denn er erfreute sich auch in oppositionellen Kreisen groer Popularitt. In ganz Ungarn zirkulierten Kassetten mit Aufnahmen von seinen Vortrgen. Er war ein unheimlich gebildeter Mensch, ein wirklicher Reformer, der eher ein europischer Sozialdemokrat in der Linie von Willy Brandt als ein Kommunist war. Er sprach und dachte so wie wir.


Wie gestaltete sich die Organisation?

Die Suche nach einem geeigneten Platz war eine groe Herausforderung: einen mglichst flachen Ort zu finden, wo viele Leute zelten und Feuer machen konnten. Auerdem brauchten wir Strom. Drauen am Eisernen Vorhang gab es aber keine Infrastruktur. Schlielich fanden wir einen Platz bei den Hochspannungsmasten, von denen wir dank des rtlichen Versorgers Strom abgezweigt bekamen. Vom Brgermeisteramt erhielten wir eine Bhne samt Tonanlage fr Reden und Tanzmusik. Smtliche Genehmigungen der mter mussten eingeholt werden, aber die ganze Organisation wurde binnen drei Wochen gestemmt.


Und Sie luden auer den sterreichern und Ungarn auch DDR-Flchtlinge ein?

Nein, wir wussten gar nicht, dass sie kommen und woher sie Bescheid wussten, denn es gab zwar viele Berichte in der ungarischen Presse, aber sie verstanden ja die Sprache nicht. Wir hatten unsere 1.500 deutschen und 1.500 ungarischen Flyer ausschlielich im Grenzgebiet auf der sterreichischen und der ungarischen Seite verteilt ? keinen einzigen davon stlich von Sopron. Spter erfuhr ich aus dem Fernsehen durch Originalaufnahmen von 1989, dass dennoch auf den Campingpltzen am Plattensee, vor der bundesdeutschen Botschaft und in den Flchtlingslagern in Zugliget zehntausende Flyer verteilt worden waren, allerdings nicht unsere.

#

Der Grenzoffizier rpd Bella gibt das Tor fr die Flucht frei: ?Was htte ich tun sollen?? (Fotos: Tams Lobenwein. Gedruckt mit der Genehmigung der Stiftung Paneuropisches Picknick ?89)


Wenn Sie sie nicht verteilt hatten, wer dann?

Damals entstanden etliche Freundschaften mit Flchtlingen, von denen zahlreiche im Laufe der Jahre zu den Jubilumsfeierlichkeiten erschienen. Viele fragte ich, wie sie von dem Picknick erfahren hatten. Alle erzhlten dieselbe Geschichte: jemand sei in den Lagern fr DDR-Flchtlinge aufgetaucht und habe die Flyer verteilt. Kurz darauf war diese Person schon wieder verschwunden. Wer hatte damals ein Interesse an einer Eskalation der Situation? Wer wollte, dass die Grenze durchbrochen wird? Ich vermute, dass es der Bundesnachrichtendienst war.


#

Pressekonferenz mit Lszl Nagy: ?Die internationale Presse wurde eingeladen, um der ganzen Welt zu zeigen, dass so ein Ost-West-Treffen hier schon mglich war. Automatisch wrde man sich fragen: Wenn sterreicher und Ungarn so etwas machen drfen, warum ist das nicht auch am Checkpoint Charlie an der Berliner Mauer mglich?? (Foto: Tams Lobenwein. Gedruckt mit der Genehmigung der Stiftung Paneuropisches Picknick ?89)



Von wie vielen Flchtlingen sprechen wir?

Viele sind nicht gekommen, da sie Angst hatten. Die Flchtlinge vom Plattensee wurden mittels Straensperren von Soldaten aufgehalten. Nur aus Budapester Richtung war eine Anreise mglich. Etwa tausend DDR-Brger sind geflohen, offiziell spricht man von 750. Insgesamt nahmen brigens 25.000 Menschen am Picknick teil und nicht 1.500, wie wir vorher geschtzt haben, als wir die Genehmigungen beantragten.


Was empfanden Sie, als pltzlich so viele Flchtlinge vor Ort waren?

Ich nahm zuerst an unserer Pressekonferenz teil und sollte dann mit dem Auto die Grenze passieren, um einen Bus mit Journalisten, der mir folgte, nach St. Margarethen zu bringen, wo uns der Brgermeister mit einer Blaskapelle erwartete. Wir kamen aber nicht durch, weil eine riesige Menge den Weg versperrte, sodass wir das Programm abblasen mussten. Die Menge waren brigens weder DDR-Brger noch sterreicher, sondern Geheimdienstler aus aller Welt. Beweisen kann ich das nicht, aber ich bin mir ziemlich sicher.

Als wir vor der Grenze anhalten mussten, kam eine Bekannte auf mich zu, die 1956 nach sterreich geflohen war und vllig in Ekstase war, weil sie sich an die 1956-er Zeiten erinnert fhlte. Sie berichtete, dass schon mindestens fnfhundert Ostdeutsche ber die Grenze gelaufen wren. Ich griff mir an die Stirn, und dachte nur: ?Oh mein Gott, wieviele Jahre kriegen wir dafr?? Fr Fluchthilfe gab es damals zwischen zwei und fnf Jahren. In diesem Moment schoss sie ein Foto von mir.




#

?Wieviel Jahre werden wir dafr kriegen?? Momentaufnahme von Lszl Nagy, als er um 15.45 Uhr von Frau Perlaky von der Massenflucht erfhrt. Links im Bild MDF-Mitglied und Picknick-Organisator Flix rs, rechts der Sohn von Frau Perlaky, der mit seiner Familie 1956 nach sterreich flchtete. (Foto: va Perlaky)



Bestand nicht die Gefahr, dass die Situation vor Ort eskalieren knnte?

Wie er mir spter erzhlte, sa Mikls Nmeth zu Hause neben seinem Telefon und wusste ber alles genauestens Bescheid. Er hatte die Staatssicherheit um die russische Kaserne herum postiert und erhielt regelmig Meldung, ob es dort Bewegungen gebe. Von 15 bis 18 Uhr war das Grenztor geffnet, aber in der Kaserne blieb es ruhig. In der anschlieenden Nacht schlief Nmeth im Wohnzimmer sogar neben dem Telefon, aber niemand rief ihn an. Nach ein paar Tagen war klar, dass der letzte Ansto zur allgemeinen ungarischen Grenzffnung positiv verlaufen war. Bei der nchsten Regierungssitzung schlug er sie dann vor. Niemand traute sich fr die Grenzffnung zu argumentieren, aber niemand war dagegen. Auch Gyula Horn unternahm damals nichts. Er verhielt sich in dieser Situation also ganz anders, als in Deutschland immer kolportiert wird. Dass msste endlich einmal richtig gestellt werden!

Nmeths Schritte zur ungarischen Grenzffnung: Die ?Strategie der Testballons?


?Es war groartig, wie Gorbatschow reagierte. Aber! Eine Garantie gab es natrlich nicht. Es war keineswegs auszuschlieen, dass die kommunistischen Hardliner in Moskau Gorbatschow aus dem Weg rumen wrden. Aus diesem Grund lieen wir einige Testballons aufsteigen, um zu sehen, wie Moskau auf unsere Schritte reagiert. Als Erstes trug ich dem damaligen ungarischen Innenminister Istvn Horvth auf, den Eisernen Vorhang beim Grenzort Rajka abzubauen. Am 27. Mrz 1989 wurde mit dem Abbau der Grenzanlagen begonnen. Nach nur zwei Wochen war bereits ein Grenzabschnitt von dreieinhalb Kilometern Lnge ohne Grenzanlagen. Wir blickten nun gespannt nach Moskau. Doch nichts, keine Reaktion! Also lieen wir den nchsten Testballon steigen. Am 2. Mai 1989 gab der stellvertretende Befehlshaber der ungarischen Grenzwache, Balzs Novky, eine internationale Pressekonferenz, bei der er ankndigte, dass die Sicherung der Westgrenze mit anderen Methoden bewerkstelligt werde, also nicht mehr mit Stacheldraht und Minenfeldern. Und wieder gab es keinen Protest aus Moskau! Am 2. Mai 1989 waren bereits 60 Prozent des Eisernen Vorhangs abgetragen! Am 17. Mai 1989 lieen wir einen weiteren Testballon steigen. In der damaligen halboffiziellen Zeitung der Regierung, Magyar Hrlap, erschien ein groer Artikel darber, dass der Eiserne Vorhang vollstndig abgebaut werde. Keine Frage, dass der Artikel auch in der sowjetischen Botschaft gelesen wurde. Doch gab es wieder keine Reaktion von Stukalin! (Boris Iwanovitsch Stukalin war von 1985 bis 1990 sowjetischer Botschafter in Ungarn; Anm.)?

Auszug aus einem BZ-Interview vom August 2014 mit Mikls Nmeth, dem Ministerprsidenten der Wendezeit.

Wie ging es nach dem Picknick weiter?

Sechs Tage spter, am 25. August, flog Nmeth zu einem geheimen Treffen mit Kanzler Helmut Kohl und gab ihm zu verstehen, dass er die Grenzen bald ffnen werde. Er warnte ihn vor den logistischen Problemen, die Hunderttausende DDR-Flchtlinge verursachen knnten. Kohl fragte Nmeth, was er im Gegenzug verlange, aber Nmeth winkte ab. Sie seien keine Menschenhndler wie Ceaucescu, der fr jeden Sachsen 20.000 Mark bekam. Kohl glaubte noch nicht an die Grenzffnung, wie in seinen Memoiren nachzulesen ist, und rief Michail Gorbatschow an, um nachzufragen, ob es genehmigt sei. Gorbatschow sagte nur: ?Die Ungarn sind gute Menschen?. Und legte auf.


Was bedeutete das?

Der Geschichtsphilosoph Matthew Longo forscht derzeit ausfhrlichst zum Paneuropischen Picknick. Sein bald erscheinendes Buch wird vom Phnomen der Unsicherheit handeln, die damals allgegenwrtig war. Gorbatschow war unsicher, weil er nicht wusste, wie lange er noch im Amt sein wrde. Deswegen gab er Nmeth oder Kohl keine klare Antwort. Nmeth hatte Gorbatschow bereits fnfmal getestet, weil er nicht wusste, wie weit er gehen durfte. rpd Bella, der berhmte Grenzer, der damals im Einsatz war und wegschaute, wusste nicht, ob er schieen sollte oder nicht. Wir waren die einzigen, die sich sicher waren, aber nur, weil wir von vielem nichts wussten.



Wovon wussten Sie nichts?

Dass es gefhrlich war, das Picknick zu organisieren! Das realisierten wir erst im Nachhinein. Wir waren so tapfer wie in dem Witz ber das alte, kranke Pferd, das gegen eine Betonmauer luft und sein Verkufer dem kritischen Interessenten sagt, das Pferd sei nicht blind sondern tapfer. So mutig waren wir! Htte es im Kreml einen Linksruck gegeben, wren wir alle im Knast gelandet. Wir hatten keine Zeit um nachzudenken. Wir hatten so viel zu tun, dass wir froh waren, wenn wir ein bisschen schlafen konnten.


Welche Bedeutung hat das Picknick fr die Wende?

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis wir selbst die Wichtigkeit des Ereignisses erkannten. Aber trotzdem, ich sage immer: Wre Franz Ferdinand nicht nach Sarajevo gefahren, dann htte es den Ersten Weltkrieg trotzdem gegeben. Wenn das Picknick nicht stattgefunden htte, dann wre die Berliner Mauer trotzdem gefallen. Politiker wie Mikls Nmeth brauchen nur einen Ansto. Htten wir ihn nicht gegeben, wre zwei Wochen spter etwas anderes passiert. Wahrscheinlich in Ungarn. Vielleicht langsamer, vielleicht blutiger. Die Zeit war auf jeden Fall reif.


Warum wurde gerade Ungarn zum Wegbereiter der Wende?

Im Gegensatz zur DDR und den meisten anderen Ostblocklndern fand bei uns im Politbro der Staatspartei ein Generationswechsel statt. Es saen keine alten Stalinisten mehr in der obersten Etage, sondern vor allem viele jngere Reformer. Unser Ministerprsident Mikls Nmeth war gerade einmal vierzig Jahre alt ? im Gegensatz zu Erich Honecker und seinem beralterten Politbro der SED! Deshalb gab es hier und in Polen die strkste Opposition und deshalb bestand auch die Mglichkeit des Picknicks. Nmeths Regierung konnte sich als erste Osteuropas von der Partei lsen: im Frhjahr 1989 erreichten sie eine Vertragsnderung, sodass Regierungsentscheidungen nicht mehr mit der Partei besprochen werden mussten! Fr uns war Mikls Nmeth eine sehr positive Person, die viel geleistet hatte, auch wenn er sich spter in anderen politischen Kreisen bewegte.


Wurde das Picknick im Nachhinein von Politikern instrumentalisiert?

Durch einen groen Einsatz der Stiftung Paneuropisches Picknick'89 erreichten wir, dass die Parteipolitik immer weniger Einfluss auf die Gedenkveranstaltungen nimmt. Das Picknick ist eines der grten politischen Ereignisse in der Geschichte Ungarns, auf das jeder Ungar stolz sein sollte, egal welcher Partei er angehrt. Wahrscheinlich wird es in der ungarischen Geschichte nie wieder vorkommen, dass Regierung und Opposition das Gleiche wollen ? damals konkret den Fall des Eisernen Vorhangs. Beide Seiten waren aufeinander angewiesen. Die Politiker konnten kein Picknick organisieren, das konnten nur wir Zivilen. Zivile konnten aber keine Grenze ffnen. Das konnten wiederum nur die Politiker. Wir als Organisatoren haben unseren Job gemacht, Mikls Nmeth den seinen.


Wie laufen die Vorbereitungen fr den diesjhrigen 30. Jahrestag?

Dieses Jahr wird es eine super Feier geben. In den letzten Jahren war ich oft nicht mit dabei, da ich die Umsetzung nicht immer gelungen fand. Dieses Mal gab es jedoch eine sehr lange und professionelle Planungszeit, in der gemeinsame Brainstormings stattfanden. Zustndigkeiten und Gelder wurden ordentlich verteilt. Die Zusammenarbeit luft sehr gut. Alle ziehen an einem Strang und fhlen sich fr das Ganze verantwortlich. Seit dem Frhjahr laufen ein ungarnweites Quiz und ein Essay-Wettbewerb fr Kinder und Jugendliche, die im Herbst von einem dreitgigen Berlinbesuch des Gewinnerteams gekrnt werden. Organisiert wird das vom Deutsch-Ungarischen Jugendwerk. Auerdem wird es natrlich um den 19. August herum ein wunderbares Festtagsprogramm geben.

Zur Person

Lszl Nagy ist eine der sechs Personen, die am 18. November 1988 die Soproner Parteigruppe des MDF grndeten. Von 1988 bis 1996 war er ihr Prsidiumsmitglied und ab 1991 ihr Vorsitzender. Seit 1988 fungierte er gemeinsam mit Dr. Lszl Magas und Dr. Flix rs als einer der drei MDF-Vertreter am Runden Tisch der Opposition von Sopron. Er war einer der Organisatoren des Paneuropischen Picknicks, wofr er 1999 vom ungarischen Staatsoberhaupt das Ritterkreuz des Ungarischen Verdienstordens erhielt. Seit 1998 ist er Mitglied und Sekretr des Kuratoriums der Stiftung Paneuropisches Picknick ?89. Er ist gelernter Chemie-Ingenieur, verheiratet und hat drei Kinder. Er verfasste zahlreiche Artikel, auch ber das Paneuropische Picknick, die auf der Homepage der Stiftung nachzulesen sind.

Mehr Informationen ber die diesjhrigen Veranstaltungen finden Sie auf Deutsch, Englisch und Ungarisch auf paneuropaipiknik.hu

Konversation

WEITERE AKTUELLE BEITRÄGE
Regierungsbeschlsse

Geschrieben von BZ heute

Am kommenden Dienstag reicht die Regierung jene Vorlage im Parlament ein, mit der sie um die…

Im Gesprch mit Columbo, Frontmann der Band Irie Maffia

Geschrieben von Pter Rti

Brettspielverleih ?Jtszhz Projekt?

Lasset die Spiele beginnen!

Geschrieben von Elisabeth Katalin Grabow